| Filter Filmmagazin - Mai 2001 | ||
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FRIDRIK THOR FRIDRIKSSON |
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In Lydhveldidh Ísland, wie Island richtig heißt, leben etwa so viele Menschen wie in Augsburg. Die Landschaften sind ein wenig bizarrer als in der Puppenkiste: Gletscher, Vulkane, von Flechten und Moos psychedelisch gefärbte Hochebenen. Die Winter sind allgemein mild, die Sommer kühl. Die Leute reden selten. Viele haben einen feinen Sinn für das Lächerliche am Leben. Einige haben es damit zu Weltruhm gebracht. Zum Beispiel Björk. Ein noch viel lässigerer Mann hat immerhin eine Oscar-Nominierung abbekommen: Fridrik Thor Fridriksson. Der Film hieß »Children of Nature«. Es ging um depressive Rentner. Jetzt hat Fridriksson einen über schizophrene Künstler gemacht, wieder mit Genitiv-Titel: »Angels of the Universe«. Das Pathos ist in beiden Fällen beabsichtigt. Es ist auch wesentlich für seine letzte Fernsehproduktion in der WDR / arte-Reihe »Erotic Tales«: ein halbstündiger Clip, in dem eine kühle Schönheit, einsam in einem Leuchtturm, Oralsex mit einem Eiszapfen hat, der während der Prozedur die Form eines Penis annimmt. Vielleicht die etwas banale Grundfigur in Fridrikssons Filmen: Begehren, Phantasie und Traum erschaffen und zerstören die Welt. Parallel montiert steht der Geliebte der Leuchtturmwärterin nämlich im fernen Australien auf einem Stapel Partyeisblöcke. Eigentlich sollte er sie ausfahren. Er hat sich eine Schlinge um den Hals gelegt und lässt das Eis unter seinen Füßen zerschmelzen. Fridriksson hat in der Sache nicht den final cut gehabt, sagt er – er hätte sie weniger gefällig inszeniert. Und zumindest in »Engel des Universums« wirkt das Pathos auch eher läppisch, wie hingespuckt. Der Glamour gehört zum Business. Zur Berlinale war er in Berlin und empfing im Esplanade die Typen von der anderen Seite der Macht – die, die fürs drüber Reden bezahlt werden. Abgeklärt und entspannt war er als graue Eminenz vor ein paar Stunden in den Stuhl gesunken. Die Lederjacke über der Lehne hatte er sich kurz davor bei Woolworth gekauft. Als während der Verhandlungen sein gedrungen-kompaktes Motorola-Gerät losging, war das ein brutaler Angriff auf die große Gelassenheit, die über der Szene lag. Wer auf Klischees steht, und alle anderen sollten weiterblättern: Er war einer von denen, mit denen man sich besser an die Hotelbar gesetzt hätte, um ohne viel Gerede die heraufziehende Nacht wegzutrinken. Können wir rauchen? In Ihrem Film rauchen die Wahnsinnigen die ganze Zeit. Heute Nachmittag hat uns ein Medizinstudent erzählt, dass in den Irrenhäusern soviel geraucht wird, weil das Nikotin den Stoffwechsel anregt und die psychisch Kranken auf diese Weise besser mit den dämpfenden Drogen in ihrem Körper klarkommen. Deswegen trinken sie auch die ganze Zeit Kaffee. Ihr Protagonist, dieser wahnsinnige Künstler, Ingvar Eggert Sigurdsson, der trägt die meiste Zeit ein Coca Cola-Sweatshirt. Hatte das einen ausgemachten Grund? Kein Symbolismus im Spiel. Auch nicht, dass Coca Cola eine Art Produkt des Wahnsinns ist? Wie würden Sie den Geschmack beschreiben? Es wird sein wie auf schwerer Droge. Wird die isländische Coke denn exportiert? Der Präsident von Island scheint Ihrem Film zufolge ein ausgesprochen netter Typ zu sein. Das ist echt? Außerdem gewinnt man den Eindruck, dass in Island jeder jeden kennt. Mit ziemlich rigiden Klassenunterschieden – ist das so? Die sind schließlich der Grund für den üblen Ausgang der Liebesgeschichte und damit der Auslöser der Schizophrenie. Als Chemie, natürlich. Aber niemand weiß doch, was letztlich die Auslöser sind. Die Wissenschaftler jedenfalls sind sich nicht einig. Dann weist der Geisteskranke noch selbst daraufhin, dass seine Geburt 1949 mit dem Isländischen NATO-Beitritt zusammenfällt. Er konnte also nur schizophren werden. Dachten Sie an Woyzeck in dieser Szene mit dem Messer im Wasser? Können Sie noch ein paar aufzählen? Ist das gemeint als Bild des modernen Menschen: Der Verrückte, der weiß, dass er verrückt ist und es trotzdem bleibt? Sie fahren allerdings auch ziemlich schwere Symbolik auf: das fängt mit galoppierenden weißen Ponys an, von denen eins strauchelt und fällt, und hört mit davonfliegenden Vögeln auf... Außer in ihrem ersten Film. Dem vom brennenden Buch. Können Sie uns die Situationismus-Legende noch einmal erzählen? Danke. Wohl einer der besten isländischen Filme aller Zeiten. In »Engel des Universums« ist die Schizophrenie an die Produktion von Kunst gekoppelt, das ist nicht unbedingt lokal, oder? Auf welche Art ist das genau aneinander gekoppelt? Was sehr offensichtlich ist: Auf der einen Seite sind die Psychiatrie-Szenen sehr realistisch; die psychisch Kranken sind die ganze Zeit auf Droge, sehr langsam usw. Auf der anderen Seite gibt es diese kranken Witze; diesen Hitler zum Beispiel, der fast eine Parodie auf einen psychisch Kranken ist: ein sehr straighter, intelligenter Mann, der unheimlich darauf fixiert ist, Hitler zu sein. Das ist eine alte Definition: Geisteskrankheit beginnt da, wo das Imaginäre real wird, sich materialisiert. Ein anderes Anzeichen ist das Verschwinden des Zweifels. Der Zweifel ist in dieser Hinsicht ein Zeichen von Gesundheit, und der Geisteskranke hat aufgehört zu zweifeln. Er ist mitten in seiner Materie gewordenen Illusion gefangen. Daher kommt auch die Angst, die Panik. Es gibt verschiedene Zeitebenen in Ihrem Film, die nicht sauber aufeinander abgestimmt sind. Auf der einen Seite vergeht Zeit: ein psychisch Kranker besucht irgendwann seine Familie und inzwischen ist sein Kind geboren und spielt im Sandkasten. Auf der anderen Seite scheint sich in der Familie des Protagonisten nichts zu verändern. Seine Geschwister zum Beispiel scheinen nicht älter zu werden. Sie werden mit wechselnden Attributen belegt, sehen aber nie älter aus als am Anfang. |
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