Filter Filmmagazin - Mai 2001  
   
 

JEAN-MARC BARR & PASCAL ARNOLD
sind wir frei zu lieben, wen wir wollen?

 
     

Eine »Freetrilogy« über »the freedom on Love, Spirit and Sex« haben Jean-Marc Barr und Pascal Arnold gedreht. Nach »Lovers« (und vor dem bereits fertig gestellten »Being Light«) kommt am 26.April »Too much Flesh« in die deutschen Kinos. Wie schon im ersten Film der unabhängig produzierten Reihe, übernahmen Barr und Arnold Regie, Produktion, Schauspiel und Kamera. Gedreht wurde der Film auf Digital Video. Mit den beiden Filmemachern sprachen Dietmar Kammerer und Andreas Hahn über Hippiesex, Hollywood und Handkamera.

Euer Film ist ein Plädoyer für den freien Umgang mit Sexualität. So ganz neu ist das ja nicht...
JMB: In unserer Zeit ist es keinerlei Problem, an Pornographie heranzukommen. Sex umgibt uns in allen Medien. Ich denke, es ist gut, solch einen freizügigen Zugang dazu zu haben. Aber bringt uns das wirklich weiter in unserem Verlangen nach einer befriedigenden Sexualität? Mit »Too much Flesh« wollten wir die Fragen aufwerfen: Haben wir tatsächlich die Freiheit, unsere eigenen Vorstellungen von Sexualität auszuleben? Wie ist unsere Sexualität geformt oder deformiert worden durch unsere Erziehung, durch unsere Kultur und all ihre Einflüsse? Was ist normal beim Sex? Wie wurden wir alle dazu gebracht, manches normal zu finden und anderes nicht?

Ist Sexualität nicht einfach eine Frage der Machtverhältnisse und also Politik?
JMB: Pascal und ich sind beide etwa vierzig Jahre alt. Ich glaube nicht, dass unsere Generation sonderlich politisch ist, die Rechte oder die Linke sind mir ziemlich gleich. Die Leidenschaft und die Werte, die man vor fünfzig oder sechzig Jahren vielleicht noch in der Politik gefunden hat, kennen wir nicht mehr. Wir interessieren uns mehr für eine neue Ethik. Deshalb machen wir diese Trilogie über die Freiheit zur Jahrtausendwende. Dass man sich die Frage stellt: sind wir wirklich frei in dieser demokratischen Gesellschaft? Sind wir frei darin zu lieben, wen wir wollen, unsere Sexualität frei auszuleben, und sind wir frei in dem, was wir denken? Natürlich, wir leben in einer Demokratie, aber wir sollten uns fragen: nehmen wir diese Freiheiten wahr?

Zumindest im Umgang mit der Kamera wart ihr ja sehr frei. Ihr habt mit digitaler Videotechnik, also einer leichten Handkamera gedreht.
JMB: »Lovers« hatten wir ja als Dogma-Film gedreht, also auch schon mit Handkamera. Wir haben damals schnell entdeckt, dass die neue Video-Technologie einem eine sehr große Freiheit einräumt. Man kann sehr nahe an den Schauspieler herangehen, eine echte Nähe zu erzeugen. Plötzlich hatten wir die Möglichkeit, einen sehr persönlichen und sehr aufrichtigen Film zu machen. Man kann die Kamera einfach laufen lassen, man muss keine Rücksicht nehmen auf ein riesiges Team am Set. Wir waren nur zu siebt, jeder hatte dann gleich zwei oder drei Funktionen. Die ganze Arbeitsatmosphäre erinnert viel mehr an das Theater als an Kino. Wisst ihr, als Zuschauer wird man so übersättigt mit Bildern, den ganzen Tag, ständig, und wenn man einmal etwas Echtes zu sehen bekommt, ein menschliches Drama, dann ist doch ziemlich egal, wie perfekt das Bild ist. Viel wichtiger ist einem dann, was passiert. Das haben wir jetzt entdeckt, mit Filmen wie »Idioterne«, oder »Festen«, mit »Lovers« und mit »Dancer in the Dark«: alle diese neuen Filme und neuen Bilder erschaffen doch eine ganz neue Emotion für den Zuschauer. Gerade weil die Bilder so ungeschliffen sind.
PA: Nicht unbedingt neue, aber andere Gefühle, als man sie aus dem Hollywood-Film kennt. »Dogma« war ja eigentlich nur ein Scherz gegen die amerikanische Filmindustrie. Die Dogma-Regeln richten sich ja gerade gegen das Dogma von Hollywood: immer die gleichen Schauspieler, das selbe perfekte Bild, die gleiche Geschichte, die erzählt wird, der gleiche Ausdruck…
JMB: Gegen dieses Dogma wollten wir uns wehren, das Hollywood uns aufzwingt. Jede Liebesszene sieht da gleich aus, ein Schauspieler auf einem anderen, ein bisschen nette Musik im Hintergrund, sie tun so, als würden sie sich lieben. Wenn ich mir so was ansehe, das macht mich nicht im Geringsten an, da fühle ich gar nichts.

Nach »Lovers« in Paris hat es euch jetzt aufs Land verschlagen. Wie waren die Dreharbeiten in Rankin, Illinois?
JMB: Mein Vater stammt von dort, meine Großeltern haben ihr ganzes Leben dort verbracht. Als Kind war ich jeden Sommer in Rankin. Dieser ziemlich alte Traktor, den man im Film sieht, gehörte meinem Großvater. Der ist von 1936, aber er läuft immer noch!

Die Geschichte ist aber nicht autobiographisch?
JMB: Nein, nein, aber die Geographie, die Landschaft dort ist das Interessante. Sie haben es bis heute nicht geschafft, die Natur dort zu zähmen. Illinois ist praktisch überall besiedelt und es gibt Landwirtschaft, aber man schafft nicht, alles zu kontrollieren. Die ersten Pioniere, die sich dort niederließen, hatten eine wirklich harte Zeit. Die meisten der Frauen brachten sich schließlich um, weil die Gegend einfach so endlos weit und flach ist. Pascal durften wir dort nicht aus den Augen lassen. [lacht]
PA: Das stimmt, aber das galt für das ganze Team. Drei Monate in diesem Ort, und du wirst wahnsinnig. Weil die Leute dort…
JMB: …die ganze Zeit nur über den Tod reden…
PA: …ja, und sie rücken einem unglaublich auf die Pelle. Unentwegt starren sie einen an, die ganze Zeit, das hat mich schon sehr bedrückt…
JMB: Religion ist ungeheuer wichtig dort, eine todernste Sache. Da sind etwa vier oder fünf Kirchen in diesem kleinen Ort. Die größte und fanatischste Kirchengemeinde ist übrigens die »German Church«. Die ziehen immer genau die gleichen Kleider an…
PA: …und die Kinder arbeiten bis spät in die Nacht. Sie haben uns verboten, ihre Kirchen zu filmen, nicht einmal von außen durften wir sie zeigen.
JMB: Etwa drei Viertel des Ortes waren gegen uns. Die wollten überhaupt nichts mit uns oder unserem Film zu tun haben, gar nichts. Zum Glück ist das andere Viertel des Ortes mit mir verwandt.

Daher die etwa zwanzig Barrs im Abspann.
JMB: …die haben uns geholfen. Ansonsten wären wir sicherlich gelyncht worden. So wie wir Sexualität sehen und damit umgehen, das ist für die eine Beleidigung. Aus New York kamen zwei schwule Modefotografen angereist, um eine Fotostrecke zu machen mit Elodie [Bouchez]. Die wollten ein paar verrückte Bilder machen, und so hat sich einer der beiden in einen Rollstuhl gesetzt und Elodie hat ihn zu einer Tankstelle gefahren. Wir wurden fast aus dem Ort rausgeschmissen deswegen. Andererseits sind viele der Darsteller auch aus dem Ort, wir waren ja nur Rosanna Arquette, Elodie und ich, plus vier oder fünf Schauspieler aus Chicago. Statisten haben wir einige gefunden.
PA: Es gab einen Farmer, der war sehr interessiert.
JMB: Ja, das stimmt. Wir hätten den Film nicht machen können ohne ihn. Ein junger Mann, der ein Kornfeld besitzt, der war der Figur von Lyle verblüffend ähnlich. Genauso zurückgezogen, in sich gekehrt, ein ganz ruhiger Typ, und schüchtern. Ich vermute ja, dass er sexuell ähnlich unerfahren und unsicher ist wie Lyle. Er hat uns sein Feld für die Dreharbeiten überlassen, und sein Auto, er hat wirklich den Film erst möglich gemacht.
PA: Es gab auch einige, die wollten im Film helfen, aber nichts über seinen Inhalt wissen.
JMB: Ja, so wie mein Cousin, der nie das Drehbuch gelesen hat. Er hat eine große Rolle im Film, aber er wollte nichts weiter davon wissen. Sein Sohn ist schwul, aber der Vater weigert sich, das anzuerkennen, er leugnet es schlichtweg. Es gibt eine Menge Unwissen über etwas, das eigentlich sehr einfach ist. Sexualität ist eine sehr einfache Sache, das habe ich an mir entdeckt. Katholizismus, Konservatismus, diese ganze Sache mit der Schuld, das hat den Sex und seine Einfachheit wirklich verzerrt. Meine sexuellen Erfahrungen kamen erst sehr spät. Pascal und ich kommen aus zwei völlig verschiedenen Kulturen. Meine sexuelle Erziehung und seine waren völlig entgegengesetzt. Er kommt aus einer großen Stadt, ich wurde aufgezogen in einer katholischen, militärischen, streng konservativen Familie.

Klingt sehr nach Frankreich.
JMB: Nein, Amerika ist da viel strenger. Oder viel verwirrter. Nehmt etwa Lyle, den ich hier spiele. Der Film fängt an und wir sehen diese Figur, wie sie in einem Maisfeld masturbiert. Das ist sein Ausweg: Er vermag es, seine Behinderung, oder was er dafür hält, seine Verwirrung jedenfalls, in der Natur auszuleben. Das ist wahrscheinlich eines der wenigen guten Beispiele, die der weiße Mann gelernt hat in seiner Ausbreitung auf dem amerikanischen Kontinent: sich eins zu fühlen mit der »spirituellen Geographie« Amerikas, so etwa wie das die Indianer auch sahen. Diese Figur denkt ja, sie wäre irgendwie nicht normal, sexuell. Aber sie findet ihre Befriedigung in der Natur. Na gut, sehr amerikanisch ist das nicht, aber die Indianer dachten so. Es ist sehr »American-Indian«.

     
 

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