Filter Filmmagazin - Mai 2001  
   
 

JOSEPH PICHHADZE
übersetzungsverhältnisse

 
     

Die Botschaft des Staates Israel schickt bis September ein Dutzend Filme aus den 90ern durch insgesamt 30 kommunale Kinos, darunter »Under Western Eyes« von Joseph Pichhadze. Die Story: Der Bauhaus-Experte Gary kommt aus Berlin zurück nach Israel, eigentlich um seinen Vater zu beerdigen, der vor Jahren als russischer Agent verhaftet wurde. Der Vater lebt aber noch und Gary beginnt, ihn mit Hilfe der russischen Community zu suchen. Verfolgt von zwei äußerst bizarren Cops landet er letztlich in einer winterlichen Wüste und hat gelernt, dass einen das Verzichten auf Vergangenheit nicht weit genug bringt.

Ich treffe Joseph Pichhadze anlässlich der Eröffnung dieser Reihe in seinem Hotel westlich vom Martin Gropius-Bau. Er sitzt in der Halle wie ein vergessener Popstar und fühlt sich »wie im Osten.« Ich versuche das nachzuvollziehen. Sentimental war es nicht gemeint. Geht es ihm um die brutale Kunstledergarnitur? Wie genau weiß er so was? Was kann er sonst gemeint haben? – Ich stelle ihm meine Frage zum Warmwerden, bevor er sich die Sonnenbrille ins Haar stecken und zurück an den Strand von Tel Aviv fliegen kann: Irgendwann im Film sagt Gary, es sei »so cold in Berlin, you have to stick a finger up your nose just to feel that you exist«, und ich frage Pichhadze, wie das aussehen soll. Es ist ganz einfach: »Die Nase ist gefroren und man muss sie anfassen, einfach um zu merken, dass man eine hat – die Übersetzung scheint die Leute eher zu verwirren.«

Später spricht er noch einmal von Übersetzungsproblemen. Für ihn sind sie das Fundament in Camp David gewesen: »Die sprechen verschiedene Sprachen. Selbst wenn sie einen Vertrag unterzeichnet hätten, wäre damit nichts gewonnen gewesen. Sie hätten ihn verschieden interpretiert.« Und weil das noch keine politische Position ist, reden wir weiter. Schließlich will man am Ende einfach gewusst haben, dass ihm »die Vorstellung eines autonomen Palästina vor den letzten Unruhen leichter gefallen (ist): Die hat in Israel keiner verstanden.« Und was er von Sharon hält: »Er wird keinen Krieg anzetteln. Es wird ganz einfach nichts passieren. Alles wird eingefroren, und wir werden die nächsten Jahre mit dieser beschissenen Situation leben müssen.«

Und wenn morgen Wahlen wären, Herr Pichhadze... ? – vielleicht war es die Sache nicht wert. Wir haben uns dafür bis zur Erschöpfung beleidigt. Er mich: »Die Interviewfragen werden hier in Europa mit einem kolonialistischen Blick gestellt. Wir dürfen in Israel kein Genrekino machen, wir müssen die großen politischen Ideen bringen. Und zwar besser von links. Die israelischen Filme der letzten 10 Jahre sind aber keine Zeitungsessays mehr. Es ist nämlich sehr viel billiger, Zeitungsessays zu produzieren. Sicherlich haben die meisten hier inzwischen mitgekriegt, dass israelische Filme auch bloß Kunst sind.« Und ich ihn: »Wie bleibt denn auf diese Art so was wie eine politische Meinung übrig?«

»Es gibt einfach keinen Israeli ohne politische Meinung. Das ist nicht wie hier.«

Vielleicht, hab ich später gedacht, kam das von seinen Erfahrungen mit mikropolitischen Effekten. »Under Western Eyes« war ja politisch präzise justiert, wenn ich das richtig verstanden habe. Beispiel: Die russischen Einwanderer, für die die Werbung immer noch im Moskauer Fernsehen geschaltet wird. Pichhadze: »Sie leben an den dafür vorgesehenen Orten, lesen ihre eigenen Zeitungen, und viele wissen fast nichts über das Land, in dem sie leben.« Auf diese Weise, sagt er, versiegeln sie das Gefühl, »sich von dem getrennt zu haben, was sie ausmachte« – machen die Immigration zur Nostalgie-Konserve (in anderen Filmen der Reihe taucht das ähnlich auf: in »Five Love Stories« wird die in Russland verlassene Geliebte wiedergetroffen, in »Saint Clara« wird sie für immer an eine radioaktive Zone verloren geglaubt – »Niemand heiratet seine Fantasien«).

Und gegen diese politische Agonie war die Verknüpfung »inhaftierter russischer Ex-Spion« gedacht. Nur das Timing war schlecht: »Jeder ahnte damals, dass es das gab: russische Ex-Spione, die irgendwo inhaftiert waren. Aber erst als wir den Film fertig hatten, fingen sie allmählich an, darüber zu reden. Vorher wussten nicht mal die Familien, was mit ihnen passiert war. Ich hatte mir also gedacht, dass es sie gab, war mir aber nicht sicher. Und als wir den Film nach zwei Jahren fertig hatten, sagten alle: Aha, das ist die Geschichte von dem und dem aus dem letzten Monat.« Da waren sie also bereits politisiert.

Wir sprechen über die unappetitlichen Diskussionen, die mit der Einwanderungswelle kamen: viele hatten ihre Konfessionspapiere im Osten vernichten müssen oder eben nie welche gehabt, dann waren sie eher Wirtschaftsflüchtlinge als echte Juden. Pichhadze hält gleich das gesamte Einwanderungsgesetz, dem jede Rassifizierung so wunderbar vormodern fremd ist, für religiösen Terror: »Wenn deine Mutter eine Jüdin ist und dein Vater Christ, dann bist du ein Jude; andersherum funktioniert es nicht. Das ist absurd ein Teil des kulturellen Terrors, den die Orthodoxen ausüben. So wie es keinen öffentlichen Verkehr gibt am Samstag. Das alles hat nichts zu tun mit einem säkularisierten Land, die meisten Israelis sind nicht religiös. Aber von denen gehen auch nur 60-70% zur Wahl. Von den religiösen sind es 100%. Die sind wie Soldaten.«

Nicht unbedingt, meine ich. Einigen ist der Staat nichts als die letzte Versuchung vor der Erscheinung des Messias.

Die gehen sowenig zur Wahl wie zur Armee, weil ihnen keiner garantieren kann, dass sie da keine Frauen in Hosen zu sehen kriegen, oder? – »Wenn es der Rabbi sagt, schon«, meint Pichhadze. Er kann sich für den spirituellen Reichtum dahinter schlecht begeistern. Ist ihm egal, dass sie kein Schriftstück jemals wegschmeißen, das den Namen Gottes trägt (von wegen Vergangenheit bewahren). Er bleibt bei diesem fast angewiderten Ausdruck. Verdammt, in einem Land mit lauter Irren leben zu müssen, die in der polnischen Kleidung des 17. Jahrhunderts herumlaufen: »Wenn es Tel Aviv nicht gäbe, würde ich nicht in Israel leben. Es gibt keine Alternative. Jerusalem ist mir zu heilig und blutig. Das nervt unheimlich. Die Leute in Tel Aviv sind um einiges relaxter. Sie können sein, was sie wollen. Das ist mit New York vergleichbar, so als Land im Land.«

Pichhadze hat eine Großmutter, die lebt in Queens/New York, der immer noch größten jüdischen Stadt. »Sie ist 84 und hat die meiste Zeit ihres Lebens in Georgien verbracht. Bis heute glaubt sie, dass das kommunistische Regime großartig gewesen ist. Es ist egal, was du ihr zeigst oder erzählst, sie wird nicht sagen: Ich hab mich geirrt. In dem Moment wäre ihr ganzes Leben sinnlos. Das ist das Problem mit den Ideologien.« Und mit den Rentnern. Als ich ihn nach dem Bauhaus frage, das Tel Aviv ja zu weiten Teilen ausmacht, zählt er es einfach unter die Ideologien: »Das Bauhaus sollte die Regeln für ein völlig neues Leben vorgeben: die hatten sogar Regeln fürs Pissen aufgestellt. Gary ist damit verwachsen, bis er seinem Vater begegnet, aber die Idee, den Menschen die richtige Art zu Frühstücken vorzuschreiben ist genauso falsch wie die vom Kommunismus.«

Pichhadze glaubt an das Ende der Ideologien, glaub ich. Am leichtesten lief das Gespräch immer, wenn es um irgendeine Ästhetik ging. Als wir zum Beispiel überlegten, wie so ein gigantischer Palästinenser-Tunnel von der West Bank zum Gazastreifen aussehen könnte. Ich frage ihn zum Abschluss nach der gelungensten Filmszene aller Zeiten, in der zwei Cops in einem Auto warten: »Mir fällt keine ein. Das sollte auch keine Hommage sein. Es ist ganz einfach eine klassische Situation: zwei Cops, die im Auto auf Godot warten.« – »Gar keine? French Connection, Lost Highway...« – »Lost Highway? Da warten zwei Cops in einem Auto?« – »Ja.« – »Hab ich vergessen. Das Wunderbarste an Lost Highway fand ich die Pre-Title-Sequenz – diese Streifen, die die Fahrbahn markieren – das funktioniert bei mir wie Hypnose.« – »Die hast du ja im Prinzip vorweggenommen. Bei dir sind die am Ende?« – »In der Mitte. Am Ende sind sie weg. Da ist nur noch der Asphalt.« – »Das ist dann dieses Rauschen, wenn es kein Bild mehr gibt.« – »So war das gemeint, ja. Als Videokunst.« Und dann geht er den Martin Gropius-Bau besichtigen.

Joseph Pichhadze. Am 28.3.1965 in Tiflis, Georgien geboren. Seit 1971 in Israel. Studium am Department of Film and Television der Universität Tel Aviv. In dieser Zeit mehrere Kurzfilme, u.a. »Dreaming in Russian«, »Bad Days«. »Under Western Eyes« war sein erster Lang-Spielfilm. Hat inzwischen mit »Besame Mucho« seinen zweiten Spielfilm produziert (2000).

     
 

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