Filter Filmmagazin - Mai 2001  
   
 

Almost Famous

 
     

In memoriam... rock history... everything old is new again... make the little girls giggle.

»Die Helden des Tages haben nur eine relative Bedeutung. Entweder sind sie schneller gewachsen, oder es ist im Augenblick des Erfolgs eine Eigenschaft in ihnen reif geworden, die gerade zu diesem Zeitpunkt begehrt war. Andere Zeiten fragen nach anderen Qualitäten.«

Ralph Waldo Emerson

»For is not every rock critic a frustrated rock star, and didn‘t I DESERVE my fifteen minutes of instant celebryhood?«

Lester Bangs

Ein Bild einer Welt, die vergangen sein soll, obwohl sie doch zum Greifen nah scheint, so dass es ihre Produkte (ihre »Essenz«) noch oder wieder überall zu kaufen gibt. Ein Bild, wie es sich das »Rolling Stone«-Magazin von der Welt gemacht haben könnte, als es ihr Nabel sein wollte. Bilder von der dubiosen Plattensammung der älteren Schwester: die Cover einer Reihe von »Meilensteinen« – »Pet Sounds«, »Blue«, »Blonde On Blonde« usw. – reine Historizität. Das sind natürlich Köder-Signale, die immer funktionieren. Irgendwann in dem Film liegt kurz ein Foto von Laura Nyro auf dem Tisch, und ich freue mich automatisch wie ein Kind, das man als Fan ja immer ist, über das Wiedererkennen. Aber dieses Kind wird in dem Augenblicks wieder erwachsen, in dem es sich die gewollte/gezwungene Historizität des Bildes vergegenwärtigt. Das Kind gibt es nur als Vergangenes, das die Leerstelle der Gegenwart besetzen soll.

Im Prolog des Films zieht die ältere Schwester aus, um mit einem Simon & Garfunkel-Lied und einem Dasein als Stewardess die freie Liebe, die freie Welt zu erobern. Das wird Enttäuschungen geben, aber die interessieren zunächst nicht weiter. Wichtig ist, dass sie Hinweise auf das Geheimnis der coolness hinterlässt, ein übergroßes Bild vom bunten Decca-Label, von der Nadel in der Platte: The Who, »Tommy«. Ein Versprechen auf Ruhm und Rock, in etwa so buchstabiert wie in Led Zeppelin, dieses dinosaurierhafte ES, das schon der Ruin der zwei oder drei Generationen älterer Geschwister gewesen war. Nichts wünscht man sich weiter weg. Trotzdem muss es immer wieder kommen, weil es soviel stumpfes, ungefährliches Sinnangebot in sich hat, soviel Erinnerung. In den meisten Fällen die Erinnerung anderer. Imaginäre Erinnerung, Erinnerung an Erinnerung.

Zum Beispiel die Erinnerung von Cameron Crowe, der 1973 als 15jähriger begonnen hatte für den Rolling Stone zu schreiben und dessen Meisterwerk die Liner Notes für »Peter Frampton Comes Alive« sind, bekanntlich einer der bescheuertsten Platten aller Zeiten. Jetzt hat er einen Film gemacht, in dem sein William Miller (Anspielung auf den einigermaßen berühmten Rolling Stone-Redakteur Jim Miller?) genanntes alter ego für den Rolling Stone über die Tour der Band Still Water, die es nie gegeben hat, die es aber natürlich sehr gut hätte geben können, als amerikanisch-proletarische Led Zep-Version im Vorprogramm von Black Sabbath, einen Artikel schreibt, wie er mit den Groupies der Band schläft (aber nicht mit dem Groupie, in das er sich tragisch verliebt hat), wie korrupt und oberflächlich das Rockgeschäft doch ist (aber dessen struktureller Sexismus scheint nicht allzu sehr zu stören), und wie blöde und schweinisch so eine Band draufkommt, wenn sie allmählich berühmt wird, und der »code of the road« die jungen Genies in den meisten Fällen nunmal zum schlimmstmöglichen Verhalten ermutigt (aber im Grunde sind sie nette, bescheidene Typen... – zumindest in den wenigen Momenten, in denen sie nicht zugedröhnt Scheiße labern). So blöde, dass der Artikel zunächst nicht geschrieben werden kann und dann doch dreimal geschrieben werden muss. Natürlich sehr selbstverliebt bzw. verliebt in eine bestimmte Form von Klischee, die nicht ganz so ätzend zu sein scheint, weil es in unschuldigeren Tagen mal fast als Wahrheit hätte durchgehen können (wenn z.B. Lester Bangs es unterschrieben hätte).

Dafür hat Crowe zwar nicht den Regie-Oscar bekommen, aber immerhin doch den fürs beste Drehbuch. Und das noch in derselben Nacht, in der ein viel berühmterer alter Mann, dessen Name auch in »Almost Famous« kurz als eine Chiffre der Berühmtheit herumgeistert, einen für den besten Song bekam: Bob Dylan für »Things have changed«. Ein Song aus dem Film »Wonder Boys«, in dem es um die schmutzigen Fantasien eines schmutzigen Alter-Mann-Schreibers und die eines »brillanten« jungen Schreibers, wonder boy, so wie Cameron Crowe ja selbst einer war, ging. Der Stolz einer Ruhm-Industrie. Sogar der SZ war der Dylan-Oscar einen markigen Satz wert: »Selbst in Hollywood erkennt man mitunter, dass Berechnung nicht alles ist und es keinen Ersatz für das Echte gibt.« Die Rockmusik steht väterlich für das unberechnete Echte ein. Immer noch schon wieder. Die Zeiten ändern sich nicht. Andererseits schreibt der komische SZ-Willi Winkler in seinem komischen neuen Dylan-Buch: »Die zeitgenössische Popmusik, Anfang der 70er hatte nichts zu bieten. (Nichts. Keine Widerrede.)«. Er dachte sicher an Elton John.

Cameron Crowe dachte auch daran, deshalb ist Elton Johns echtes »Tiny Dancer« auf dem Soundtrack (andere hätten an Van Morrison, Tim Buckley oder an unzählige P-Funk-, Soul- und Reggae-Platten gedacht, die alle unendlich großartiger sind als alles, was du in diesem Film zu hören oder je bei Willi Winkler zu lesen bekommen wirst, ABER DARUM GEHT’s nicht, es geht um: unverschämte Lügen).

Sicher wird keiner die Erinnerung an Lester Bangs, der hier vom Mann für die harten Fälle – Philip Seymour Hoffman – gespielt wird, für echt halten. Immerhin hatte Lester Bangs rechtzeitig bezeugt, dass die Vergreisung unausweichlich ist: »Rock – ist letztendlich konventionell, mittelmäßig, endgültig vorhersehbar geworden, ein wohlgesitteter, zum Brontosauraus gezähmter Tyrannosaurus.« Eine gute Zeit, um auszusterben, zu versteinern. Denn bereits 1973 sah vieles so aus, als ob einiges lange schon zuende gewesen wäre. In den Kinos lief der Film »American Graffiti«, der bekanntlich die 50er rekapitulierte und dabei auf den Rock'n'Roll zurückblickte wie auf eine verlorene Kindheit, in der die Gegenwart vielleicht noch so unmittelbar war wie Lester Bangs sich den idealen Rock'n‘Roll zusammenträumte: als Verstärkung und Erhaltung eines ursprünglichen Infantilismus: “EXTRA! TRAGEDY STRIKES ROCK!! SUPERSTAR GORED BY DERANGED ROCK CRITIC! ‚We made it‘ grasped Lester Bangs as he was led by police fom the bloody scene. ‚We won‘.«

»Es liegt in unserer Natur, an große Männer zu glauben«, beginnt ein Buch von Ralph Waldo Emerson über die Berühmtheit der Berühmtheiten. Auch das ist sehr lange her.

Jetzt, 2001, startet »Almost Famous«, der wiederum auf 1973 zurückschaut wie auf eine gesuchte Kindheit, in der die Gegenwart bereits verloren war, in der – wie der Rolling Stone es in seinem Rückblick auf seine eigene Geschichte schrieb – der Rock seine Unschuld verloren hatte. In »Almost Famous« gibt es eine Sequenz, in der die Band, die kurzfristig in die höchste Stadion-Dinosaurier-Liga aufgestiegen ist, vom Tourbus ins Flugzeug umsteigt. Ein Privatflugzeug, wenn das kein Zeichen erfolgreichen Unternehmertums ist (wir erinnern uns noch an Boris Becker, der die Passagierlisten seiner Flüge im Vorfeld seines Scheidungsprozesses als Industriegeheimnis klassifiziert wissen wollte), und eines der Modernität: »Eight Miles High«. Auf dem Weg zum Ruhm ist das Flugzeug der Ort der Wahrheit. Die Sequenz endet mit einer langen Einstellung vom alten Bus. Wehmütiges Zurückschauen, Zurückschauen auf den Rock'n‘Roll. Der Tourbus, das ist natürlich die Unschuld, die »Kindheit«, ein Symbol für das Volkstümlich-einen-Draufmachen, Sich-ungestraft-schweinisch-Benehmen, das auf dem Parkplatz zum Ruhm zurückgelassen werden muss, wenn es weiter gehen soll.

Trotz aller bekannten Widerlichkeiten wird uns die Popkultur als die uns allen gemeinsame Kindheit verkauft. Auf die Kindheit kann man sich verlassen, wenn man sie paradoxerweise zynisch und naiv zugleich aussehen lässt. Cameron Crowe: »Almost Famous ist mein Liebesbrief an die Musik geworden, den ich immer schon schreiben wollte. Doch nicht nur an die Musik selbst, sondern auch ein Liebesbrief an meine Familie.« Die Rockgeschichte als die große amerikanische Ödipalisierung. Aus dem Papa-Mama-Ich-Komplex Geschichte schreiben, einen Bildungsroman, einen Liebesbrief an den Ort, an dem man angekommen sein wird.

Wenn schon die Gegenwart abhanden gekommen ist, sucht der Film etwas anderes an ihrer Stelle, etwas Grundlegendes: den Namen des Vaters. Der Name des Vaters führt das ungebildete Subjekt in die Kultur ein. Er schenkt eine geordnete Sprache, bietet einen Sinn an, etwas das danach verlangt, anerkannt zu werden. In der Familie des angehenden Rockschreibers ist der Vater abwesend. Überpräsent ist die Mutter: eine exzentrisch-puritanische Literaturprofessorin, die ihren beiden Kindern Rockmusik verbietet. Die Mutter ist übergeschnappte alte Literatur. Zwar spricht auch sie schon im Namen des Vaters, nur ist es noch nicht der richtige: wenig versprechende Namen wie Emerson oder Goethe, die im allgemeinen Gezeter untergehen. Sie wird einsehen müssen, dass auch der Rock einen Vater, eine Sprache, einen Sinn anbieten kann, der die Familie intakt lässt, mit dem sich eine Familie und eine Karriere bilden lassen (auch wenn diese auf den ersten Blick ein bisschen kaputt aussieht, das eigene Literatur-Leben ist ja auch schon ganz schön kaputt). Dann kann der Junge auf die Tour der Schreiber-Subjekt-Genese gehen. Ruhm ernten.

Einige Namen sind im Angebot, die die Stelle des abwesenden Vaters einnehmen könnten: Der erste ist Lester Bangs. Crowe behauptet, während des Drehens ständig die Stimme von Lester Bangs im Kopf gehabt zu haben. Das wäre die Stimme einer wirklich kraftvollen Sprache: »YA DAMN RIGHT SUMTHINZ WRONG: LIFE STINKS; TAZ WAT: I TRIED TO ENJOY IT; BUT IT WUZZA LIE: I’M GONNA DRINK UNTIL I CROAK«, aber davon kriegt »Almost Famous« nicht viel mit.

Zum ersten Mal sieht er Lester Bangs, der kurz aus Detroit in die beiden gemeinsame Heimatstadt San Diego zurückgeschneit ist, durch die Büroscheiben eines kleinen Radiosenders. Bangs legt wie immer »White Light/ White Heat« auf den Plattentelller, schwärmt von den Vorzügen der Debilität und seiner Lieblings-Debil-Band, den Guess Who...– So kennt man ihn. Wir haben seine Schriften mit der Muttermilch aufgesogen: Lester Bangs ist der Vater von uns allen. (»YEAH, THAT’S WHY I WANNA DIE, JERKOFF«).

Liebe auf den ersten Blick. Immer wenn er nicht mehr weiter weiß, wird der väterliche Bangs ihm per Telefon nützliche Maximen mit auf den Weg geben: Als Kritiker wirst du scheiße bezahlt, bekommst aber alles umsonst (immer arm, immer umsonst), für den echten Rock'n‘Roll bist du zu spät gekommen, das ist vorbei (immer ist das Echte vorbei, immer zu-spät). Bangs forciert auch das Existenz-Problem der Schreiber-Subjekt-Genese (die ältere Schwester hatte es ja bereits am Anfang aufgeworfen): Wie wird man cool? SO? »Schreiber sind nicht cool, sie hängen immer zuhause rum. Aber: Während die coolen Jungs die Mädchen abbekommen, haben die uncoolen wenigstens mehr auf dem Kasten.« Ihnen gehört die Leidenschaft der Dokumentation.

In Ordnung, das ist immerhin ein Weltbild. Was ist aber, wenn man nicht mal Lust hat, die Tautologien des Coolseins in der Negation anzuerkennen, wenn man die Sinnangebote, die kulturellen Köder-Inhalte nicht wiedererkennen kann oder will? Wenn einem die Rockmusik scheißegal ist und dieser Vater verworfen werden muss? Wenn du zum Beispiel kein Schreiber-Junge, sondern ein Schreiber-Mädchen bist (eine Kollegin von mir fühlte sich von der ödipalen Konstruktion des Films förmlich körperlich angegriffen, und erst der Hinweis, dass für Geld bescheuerte Filme ansehen immer noch besser ist als Putzen zu gehen, konnte sie wieder aufbauen)?

Die Mädchen, die Groupies in »Almost Famous« wollen nichts über die coolness wissen, sie müssen so sein, sie sind in einem reinen, »unschuldigen« Sinne cool, genau deshalb dürfen sie weder in einer Band spielen noch darüber schreiben. Sie dürfen nur angeschaut bzw. besessen werden (oder von Roadies gegen einen Kasten Bier eingetauscht): So sehen dann auch die Aufnahmen von Kate Hudson, dem Über-Groupie, aus: weichgezeichnete Früh-70er Playmate-Aufnahmen (eine davon ist auch gleich die erste Seite des Presseinfos), altersgeile Masturbationsvorlagen (Lester Bangs hatte in der persona von Elvis auch darüber einige erhellende Seiten geschrieben: it was a really sick thing to do; it was fun). Das Bild des Mädchens ist die Leerstelle, in die die coole Sprache geworfen wird. Es muss doch verdammtnochmal eine Alternative zur coolness bzw. ihrer Reflexion geben, das ist der Konflikt des Jungen. Eine Alternative wäre die reine Liebe, die dem – leider »leeren« – Bild des Mädchens aufgebürdet wird.

Zuerst ist die Liebe nur Wiederholung der ödipalen Situation: man konkurriert um das Mädchen, das einen den halben Film über recht eindeutig bemuttert hat, mit dem übermächtigen Gitarren-Helden-Freund und Ersatzvater. Selbstverständlich konsequent vergeblich, genauso wie der Versuch der Verführung durch die Identifikation mit der Mädchenfantasie, irgendwo auf dem Weg ins geheimnisvolle, unerreichbare Marokko, dahin wo sich noch ein paar Generationen vorher die schwulen, drogensüchtigen, wirklich gefährlichen Schriftsteller hingeflüchtet hatten. Aber das wäre bescheuert. Eine Konfrontation mit der Leere der »eigenen« Fantasie – Reisen (Marokko) und berühmte Leute kennenlernen (Rockstars ficken) – kann das Mädchen nicht ernsthaft haben wollen. Der eigene Schwurbel nocheinmal, der Untergang.

Nicht ganz so sinnlos ist dann der letzte Versuch, das Mädchen anzuerkennen und zu erreichen: nämlich in seiner ganzen deprimierend hilflosen, trägen, leicht ekelhaften physischen Präsenz. Jemand sagte mir mal, man liebe erst dann wirklich, wenn man fähig ist, ohne Widerwillen den Körper des anderen beim Kotzen vor der Kloschlüsssel zu stützen. Die Liebe ist nämlich zum Kotzen, zumindest beweist sie sich nur im Kotz-Moment wirklich. Der junge Schreiber begreift das, wenn er dem Mädchen, von dem auf dem Höhepunkt der Tour nur noch ein Dreck übrig ist, einen Tablettenselbstmordversuch durchstehen hilft. Liebe und Kotzen. Aber genau das – dass man den anderen nur liebt, wenn man ihn sich auskotzen lässt, wenn das Bild des anderen gefährlich präsent wird – darf so nicht einfach stehenbleiben, es muss in einer milchigen Sentimentalität eines Morgenlichts im Central Park und Elton John aufgelöst werden, damit am Ende die Jungs wieder unter sich sein können, befriedigt, so als könnte alles – unverändert – nochmal von vorne passieren. Der Liebesbrief: ist an der richtigen Stelle angekommen – der Oscarverleihung, Liebe zum wahren Vater, zur Rock-Lüge, zum Rolling Stone. Die Welt ist zwar für die Gegenwart verloren, aber intakt.

• Andreas Hahn

     
 

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