Filter Filmmagazin - April 2001  
   
 

Beau Travail

 
     

Claire Denis schickt in »Beau Travail« Herman Melvilles »Billy Budd« mit der Fremdenlegion in die Wüste. Und als ob das nicht schon kompliziert genug wäre, konfrontiert sie nebenbei auch noch Benjamin Brittens »Billy Budd«-Musik mit Eurodisco und Neil Young, Jean-Genets-Männer-hinter-Gittern-Romantik und ein paar kleine Referenzen an Godards »Le Petit Soldat«. Ein Film, der das, was eigentlich ausgewählt ist, einander fremd zu sein, aufeinander prallen lässt. Mithilfe hart stilisierter Choreographien.

Wie soll man sprechen, wenn alles schon vorbei ist, wenn man bis Hals über Kopf in die Militär-Maschine verliebt ist. Das gibt ästhetische und politische Probleme, wie die ersteren, die letzteren lösen und umgekehrt. Darüber hat Diedrich Diederichsen vor einiger Zeit in einem Vortrag in der Akademie der Künste alles wesentliche eigentlich schon gesagt, und wir halten fest, was wir davon aufgeschnappt haben:

»Die Diskussion, die darüber geführt wurde, inwieweit der Film etwas verherrliche – Militär, Gewalt, männliche Tätergemeinschaften, sich ebenfalls als Ballett des Todes stylende Skinheads – , sollte zunächst zur Kenntnis nehmen, dass diese logische Operation gar nicht so ohne weiteres auf diesen Film übertragbar ist: X verherrlicht Y, eine bestimmte Darstellung verherrlicht einen bestimmten Gegenstand. Dieser Gegenstand hier wird, unabhängig davon, dass es eine echte Legion wirklich da draußen gibt, erst durch diesen Film hervorgebracht, als eine relativ künstliche Versuchsanordnung, die aber durch ihre Platzierung in einer konkreten kolonialen Umgebung auch nicht unpolitisch oder ganz abstrakt ist. Es handelt sich nicht um einen klar bekannten Referenten aus der politischen Außenwelt – eher werden verschiedene Teile der Innenwelt ausgeschnitten und an einen anderen Ort transportiert.

Dass Zwangsgemeinschaften ein erotisches Script hervorbringen, das auch und gerade für die nicht von diesem Zwang betroffenen attraktiv ist, ist nicht neu. Die Suspension des Politischen durch das Erotische und vor allem auch des politischen Ekels durch eine erotische Attraktion, wie sie Genet beschrieben oder etwa Tom of Finland gezeichnet hat, braucht allerdings ein stabiles Politisches, immer schon moralisch bewertet, um funktionieren zu können. Das ist hier nicht der Fall: Es geht nicht um die Erotik des Bösen oder des Zwangs und der Zwangsgemeinschaft, sondern es geht gerade darum, was von genau dieser Erotik bleibt, wenn das als schicksalhaft Empfundene des Zwangs und der Zwangsgemeinschaft, das sich schon immer ästhetisch mitteilte, sich nun auch nur noch ästhetisch begründen lässt.

In Wahrheit ist Zwang dabei nur die drastischste Form des Scripthaften, zu dem aber jede Erotik strebt. Die Lust, diesem zu folgen, besteht aber gerade darin, dass man sich ihm freiwillig unterwirft, nicht aus Zwang: Auch wenn die Komplizenhaftigkeit, die darin bestehen mag, zwangsbedingte Formen zu beleihen, unter gewissen Umständen zu einer inhaltlichen Identifikation führen mag, so ist doch die prinzipielle Differenz zwischen der erotischen Systematik und der politischen Vernunft festzuhalten. Der einen die Regeln der anderen vorzuhalten funktioniert nicht, auch wenn Politik natürlich eine erotische Seite hat und vice versa.

Zu kritisieren ist der erotisch begründete politische Fehler, der politisch begründete erotische Fehler hingegen, eine gewisse politische Hässlichkeit etwa, erledigt sich ja oft von selbst.«

• Die Redaktion

     
 

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