Filter Filmmagazin - Juni 2001  
   
 

Monday

 
     

Sabu steht auf Spielchen. »Monday« ist das in den letzten Jahren so beliebte Verwirrspiel von Traum und Realität bzw. hier Imagination und Erinnerung. Das vertraute Setting: Ein hagerer Mann mit schwarzem Anzug, Schlips und Brille wacht eines Montag morgens im Hotel auf und kann sich nicht mehr an die letzte Nacht erinnern. Zeichenhafte Dinge, die Takagi im Hotelzimmer findet: ein Tütchen »Reinigungssalz« von einer Beerdigungszeremonie, ein Foto von seiner Freundin, ein Clubflyer usw. lassen traumhafte Ereignisse vor seinem geistigen Auge ablaufen, die Takagi belasten würden, wenn er sie tatsächlich erlebt hätte. Vieles spricht dafür, dass Takagi seiner Imagination freien Lauf gelassen hat. In den Episoden erscheint er zu einem Teil als stinknormaler, langweiliger Salaryman, der sich ständig bei den vermeintlich Profilierteren entschuldigt. Außerdem ist er extrem tollpatschig: einer dieser Verlierer eben, die Jerry Lewis berühmt gemacht haben. Natürlich träumt er davon, Held der Nacht zu sein und diejenigen Objekte des Begehrens zu besitzen, die einem Mann in Japan kulturelles Kapital sichern.

Sabu zeigt ihn in einer zynischen Persiflage auf die detaillversessenen japanischen Rituale als Protagonisten einer missglückten Begräbnisaktion, als Verführer der Freundin eines mächtigen Yakuza-Bosses oder als mehr oder weniger cool killender Rächer der Unterdrückten.

Pointierte Einstellungen wie die von drei ihn stupide und erwartungsvoll anblickenden Zeremonieteilnehmern oder die einer über den langen Bartresen rollenden Murmel, die ein rot lackierter Frauenfinger stoppt, überzeichnen seine Wunschbilder. Weil es eh keine unverfälschte Erinnerung geben kann, erinnert er sich eben auf seine Weise.

Je länger Takagi träumt, desto stärker mischt sich das verdrängte Trauma in die Sache. Bis hier könnte alles noch rein mentales Material gewesen sein. Die nach und nach auftauchenden Ikonen lassen schließlich immer noch jede Spinnerei zu. Bis zu dem Moment, wo Takagi eine blutverschmierte Visitenkarte mit der Berufsbezeichnung »Gang Boss« von seiner Sohle pellt. Die Ikone wird zur Spur von harten facts und die Unterscheidung Traum/Realität setzt sich durch. Die Gewissheit kommt, als Takagi seine Tat auf allen Fernsehkanälen sieht. Nicht sehr schön, wie Sabu einem am Ende den doppelten Boden unter den Füßen wegzieht. Mit einem pathetisch inszenierten Showdown holt er die Zwei- bzw. Vierdeutigkeit noch einmal kurz in die Schwebe, lässt die dann aber doch fallen.

Das Schönste an »Monday« ist aber sowieso das minutenlange An-Lachen. Wenn ein selbst ernannter Wahrsager bei der Deutung von Takagis Schicksalslinie erst grinst, dann langsam zu lachen beginnt und sich schließlich überhaupt nicht mehr einkriegt, dann steckt das an: Takagi, mich, meine Tante und meine Freunde. Von ähnlicher, allseits bekannter Komik ist es, wenn einer bei der Zeremonie bemerkt, dass er das Portrait des Verstorbenen über dem Sarg schon mal beim Friseur gesehen hat. Eine absurd-ernsthafte Situation schreit danach, dass man sie platzten lässt, wie man als Kind in der Kirche immer darauf gewartet hat, dass endlich jemand furzt.

• Sven Wegner

     
 

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