Filter Filmmagazin - April 2001  
   
 

Prinzessin Mononoke
(Mononoke Hime)

 
     

26 Jahre nachdem er uns »Heidi« nähergebracht hat, schafft es Hayao Mijazaki, der für die meisten Comic-Zeichner gottvaterähnliche Symbolfigur ist, wieder wesentlich auf das westliche Bewußtsein einzuwirken. Auf, man möchte fast sagen: wundersame Weise gelingt es ihm, dieses absolute Eintauchen in die Geschichte zu bewirken, das einen die Höhle, in der man sitzt, und die Tatsache der 24 Bilder pro Sekunde Vergessen macht.

Ich kam aus dem Kino und war glücklich und traurig, aufgewühlt und lebensfroh, sensibilisiert vom Auge bis in die Zehenspitzen. Meine erste Wahrnehmung, als ich auf die Straße trat, war ein vielleicht 50jähriger Mann, der zu sich, zu niemand oder zu jedem zu reden schien. ER war definitiv nicht glücklich. Ich blieb stehen, versuchte Blickkontakt herzustellen. Aber er ging nur stur geradeaus weiter, in seinem schleichenden Schritt, redete in einem fort und nahm nichts wahr. Er war genauso gefangen in seiner Welt wie jeder andere.

Klar, man könnte auch »Die unendliche Geschichte« lesen oder anderes Sagenhaftes. Aber wann ist mir das zuletzt im Kino passiert? Vielleicht im »Dschugelbuch« - den hat Reitermann 1967 realisiert. Während Hollywood aber immer weiter kalkuliertes Material produziert und Europa immer noch seinen Dörnröschenschlaf schläft, arbeiten Menschen wie Hayao Mijazaki in Japan (»Heidi« 1974, »Nausicaä« 1984, »Whisper of the Heart« 1994) kontinuierlich an Visionen. Und das Ergebnis verdrängt dann eben auch »Titanic« vom Platz eins im Alltime-Kinokonsum – wenigstens in Japan.

Wie schwer es ist, tragende Metaphern auf die Leinwand zu bringen, ohne dabei fast zwangsläufig fehlende Originalität durch Technik oder pseudoidealistische Leitmotive zu ersetzen, die letztlich immer Werbekonzept und Wirtschaftskalkül sind, sieht man jeden Donnerstag aufs Neue. Das ist bei den meisten Animationsfilm-Großproduktionen, die hier ins Kino kommen, leider nicht anders. Mir graut schon vor Weihnachten dieses Jahr, wenn »Herr der Ringe I« ins Kino kommt, mit Erfolg und dick und rund, selbstverständlich. Peter Jackson - we DID love you.

Denn klar ist sowas programmierbar: wieviel Happy verträgt das End, wie weit und wann darf der Held Partei ergreifen, wer ist gut und zu welchem Preis? Aber bis auf weiteres sind solche dramaturgischen Überlegungen und Entscheidungen doch Sache des Menschenhirns. Sie dürfen sich weder hilflos an eine literarische Vorlage klammern, noch dürfen sie sklavisch von Wirtschaftsfaktoren abhängen, soll die zu erzählende Geschichte ihre (politische, moralische oder ästhetische) Relevanz behalten. Mijazaki inszeniert sein handgezeichnetes Epos folgerichtig als ökologische Apokalypse, die auch gewagte religionswissenschaftliche Thesen nicht scheut. So ist die Vorstellung, dass es einen Waldgott gibt, der faktisch die Macht des ›einen‹ Gottes hat, der mythischer Tiergott neben anderen, und gleichzeitig allmächtiger Gott des Lebens ist, zu unwahrscheinlich für digitales Visionieren: Er ist transzentent (als riesenhafter Nachtwandler) und real (als Tiergott) zugleich. Diese Gleichsetzung - Natur und Gott, Materialität und Transzendenz - erscheint letztlich plausibler als der ›reine‹ Gott monotheistischer Religionen. Sie ist sympathischer als das leicht zu moralisierende Bild vom Menschensohn, und geht weit über die Mythen des 13. Jahrhunderts (von denen der Flm erzählt) hinaus.

Dass die Charaktere allesamt ambivalent sind, macht die Geschichte zudem überdurchschnittlich komplex: Die Frauen sind stark und nicht immer gerecht. Sowohl Lady Eboshi, die Betreiberin der Eisenerzfabrik und damit größte Feindin des Waldes, als auch Prinzessin Mononoke, die (wie Mogli) von einer Wölfin aufgezogen wurde, haben ihre jeweilige Perspektive und ihren jeweiligen Hass. Unscheinbare entpuppen sich als Wahnsinnige (der Bettelmönch, der von der Idee besessen ist, durch den Hirschkopf des Waldgottes Unsterblichkeit zu erlangen), und die Tier-Götter verwandeln sich tödlich verletzt in Dämone. Und selbst der Held, der junge Krieger und Königssohn, Ashitaka, wird nicht glorifiziert: weder bezieht er endgültig Stellung, noch wird er gerettet.

Der Film endet dieser inneren Logik unlösbarer Konflikte folgend in Katharsis. Nach der großen Schlacht »Mensch versus Natur», wenn der Waldgott, Symbol des Lebens, in seiner Gestalt als Nachtwandler vom ersten Sonnenstrahl berührt sich in eine Sturmflut auflöst - und alles mit sich reißt, ist jener Augenblick der Auslöschung. Ein Sekundenbruchteil, der in der subjektiven Wahrnehmung zum schier unendlichen Standbild mutiert, sich als versteinertes Relief in Hirnzellen einbrennt. Dannach beginnt alles Wachsen von neuem, ganz langsam, in rasender Geschwindigkeit. Die Stille der Tonspur, der Figuren und des Kinos »fokussieren« das zeitrafferartige Wachsen aus verbrannter Erde und geben den Bildern den »Meditationsraum« der Verlangsamung. Und jetzt?

Jetzt stehe ich vor dem Kino. Höre den Mann, höre alles, spüre jede Molekularbewegung der Luft um mich herum. Langsam gehe ich, mein Fahrrad holen. Als ich an ihm vorbeifahre, noch ein kurzer Impuls, ihn anzusprechen. Dann, im nächsten Moment: wieder eingeklinkt in mein System. Fahren. Gehört das alles jetzt zum Leben? Muss ich jetzt alle Menschen Lieben? Nein. Aber es tut verdammt gut, einen Moment lang die Gewissheit zu haben, es zu können. Das ist die Basis jeder Utopie.

• Achim Wiegand

     
 

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