Filter Filmmagazin - Mai 2001  
   
 

Traffic

 
     

Drogen als mythische Größe. Sie existieren einfach, zumindest kann man sich sicher sein, dass sie aus Mexiko kommen. Sie werden über perfekt organisierte Dealer ins Land geschmuggelt und von Schwarzen ausgeteilt. Dann vögelt der Schwarze das weiße Ding aus der Oberschicht, die ist jung, 16, liest den Blinden einmal die Woche für zwei Stunden vor. Was noch? Schülersprecherin. Basketball. Theatergruppe. Privatschule. Crack. Michael Douglas hat ein Einsehen, dass er seine Familie vernachlässigt, sucht die verschwundene Tochter und blickt missmutig aus seinem Lexus auf das schwarze Pack, das in den Straßen lungert. Und der weiße Junge erklärt ihm und uns, dass das aber alles nicht so zu verstehen sei, wie es aussieht. Denn schließlich würden wir Weißen ja auch anfangen zu dealen, wenn die Schwarzen in weiße Vorstädte kämen und uns fortwährend bedrängten, ob wir nicht Dope anzubieten hätten. Ist das nicht wahrer amerikanischer Unternehmergeist? Bei einer Ware mit Gewinnspannen von tausend Prozent? Fakt: Der Schwarze versorgt das weiße Ding mit Dope und fickt sie. Dieses Bild bleibt, und das bleibt stärker als jede scheinbar selbstreflexive Impuls des Filmes, seine eigene Konstruktion nochmal zu überdenken. Ganz banal. Das Bild gegen das Wort.

»Traffic – Die Macht des Kartells«. So ist es auf den Plakaten zu lesen und man meint: Mexiko. Ganz Mexiko ist in diesen gelblichen Farbton (Mexiko, da ist die Wüste, kein Fluss und kein Regen) getaucht, der das Land zu einer tonigen konturlosen Masse verwachsen lässt, in der sich gerade noch die durch und durch korrupte Staatsstruktur abzeichnet. Wenigstens kriegen wir Benicio del Toro, der mit dem guten Herzen und dem klaren Verstand, der den Regeln von Korruption und Gewalt gehorchen muss, um zu überleben. Immerhin einer, mit dem dieses Land zumindest ein Gesicht und einen Charakter bekommt und für Augenblicke das Monochrom durchbricht. Del Toro in der mexikanischen Wüste eröffnet diesen Film und wird ihn auf der Tribüne eines Stadions in Tijuana beschließen. Dazwischen Amerika in der Klammer, im eisernen Griff der Drogen. Symbolische Konstruktionen. Übrigens: Was Mexiko braucht sind Glühbirnen. Damit die Kids nachts wieder Baseball im Stadion spielen können und nicht als Drogenkurier fürs Kartell enden. War doch immer so, dass Eingeborene schon mit kleinen materiellen Aufmerksamkeiten (ihr wisst schon, die Dinge die blinken und leuchten) zufrieden zu stellen sind.

Del Toro hier, Douglas am anderen Ende des Opferwegs. Sein Opfer, seine Tochter. Der Vater als Amerikas oberster Drogenbeauftragte oder »drug czar«, seine Abstraktion vom Problem, Ärmel hochkrempeln, der will ran an die Front im Kampf gegen die Drogen, fliegt nach Mexiko City, um wichtige Generäle zu treffen und findet den Kampf in der Familie etc. – den Kampf gegen gelangweilte Kids der Oberschicht, deren pubertäre Sinnkrise an der Welt sich im Erbrechen an der Etikette der Eltern erschöpft und die noch im Drogenrausch am Laptop Rätsel in griechischer Mythologie lösen.

Papa Douglas hat seine eigenen Krisen, mit den Ratschlägen der Lobbyisten, die ein noch viel stärkeres Narkotikum sind. Kann man nur mit dem Drink in der Hand ertragen. Auch hier eine entformte Masse, der kaum zu differenzierenden Einflussstränge, das Pendant zu Mexiko, hier in Blau (Washington ist kühl, liegt am Potomac, und es regnet). Douglas steht und sitzt und hört zu. Händeschütteln. Zögern und erste kleine Zweifel, das Scheitern bei seiner Antrittsrede vorweggenommen. Da konstatiert er das Scheitern einer administrativ gelenkten und institutionell verankerten Schlacht um die Drogen. Das kommt nicht gut an. Kein unerheblicher Seitenhieb gegen die Prediger eines totalen Drogenkrieges und ein Ausbruchsversuch, der im selben Augenblick in einem moralischen Kniefall wirkungslos verpufft. Denn was bleibt als Angebot? Das mit der Familie war erschreckend konkret gemeint, erschreckend, denn für Sekunden hoffte ich, er wolle wenigstens nach Mexiko.

Douglas besteigt ein Taxi, fährt zu seiner Familie und kümmert sich jetzt richtig viel um seine Tochter. Einsicht. Wegen der Drogen. Da also liegt der Hase begraben. Schickt den Mexikanern Glühbirnen und die amerikanischen Väter aufs Wohnzimmersofa, dann dürfte der Kampf gegen die Drogen ja bald gewonnen sein. Hilflos.

• Christoph Pasour

     
 

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