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    Kinostarts: Filter N°09    
    [ Forrester Gefunden ]
[ Karnaval ]
[ Malèna ]
[ Thirteen Days ]
   
    Forrester Gefunden    
  »Finding Forrester«
USA 2000, 135 Min.
F. Murray Abraham (Prof. Crawford) Rob Brown (Jamal Wallace) Sean Connery (William Forrester) Laurence Mark (Prod.) Valdis Oskarsdottir (Schnitt) Anna Paquin (Claire Spence) Busta Rhymes (Terrell) Mike Rich (Drehbuch) Gus van Sant (Regie) Harris Savides (Kamera) Rhonda Tollefson (Prod.) [01/03/01,
Columbia TriStar]
 
 

In der Bronx sind die Jungs kriminell oder Rapstars, Basketballstars, Kunststars. Auf jeden Fall Genies. Wer kein Genie ist, kann mit Glück Platzanweiser oder Hausmeister werden. Oder was anderes Solides.

Die Kriminellen, Rapper, Basketballer und Künstler der Bronx können entdeckt werden. Von der Polizei oder von Geniescouts. Dann bekommen die Jungs ihre große Chance. Entweder bleiben sie danach endgültig in der Bronx, oder sie kommen endgültig raus aus der Bronx. Aber eine Chance bekommen sie immer, das muss man Amerika lassen. Außerdem hat Amerika unendlichen Bedarf an Platzanweisern und Hausmeistern.

Heikel wird es, wenn einer der Jungs sich nicht entscheiden kann. Hausmeister will er nicht. Aber dann lieber Krimineller oder Rapper, Künstler oder Basketballer? Weil er das nicht weiß, zerren unterschiedliche Geniescouts an ihm herum und erfinden so tolle Sachen wie Gangsta-Rap.

Für die, die nicht rappen können, hat Amerika tolle Universitäten erfunden. In den Umkleidekabinen der Universitäten können die Genies aus der Bronx zum Beispiel wertvolle Prosa schreiben, bevor sie zum Basketball gehen. Nach dem Basketball schreiben sie wertvolle Poesie. Die verstecken sie im Spind. Später zeigen sie sie einem Mädchen. Mädchen freuen sich über Poesie mehr als über Korbwürfe.

Damit wir auch etwas abbekommen von den tollen amerikanischen Genies und Geniescouts und Universitäten, gibt es Gus van Sant. Gus van Sant war früher selbst Genie. Er hat genau drei tolle Filme gedreht und wurde dabei von Geniescouts entdeckt und berühmt. Seitdem ist er sehr dankbar und dreht Filme über weise alte Herren, die junge Genies entdecken. Einem weisen alten Herren ist Gus van Sant so dankbar, dass er einen ganzen Film des alten Herrn nachgedreht hat. Der Herr heißt Alfred Hitchcock. Einen anderen alten Herrn verehrt Gus van Sant auch sehr. Der Herr heißt Sigmund Freud und rettet in Gus van Sants Filmen immer wieder die Seelen genialer Jungs. Kurz bevor sie Hausmeister werden wollen.

Noch ein anderer weiser alter Herr heißt Sean Connery und ist viel berühmter als Gus van Sant. Außerdem ist er Schotte. Ein Lieblingshobby der Schotten ist birdwatching. Tausende Schotten kauern, wenn der Golfstrom weht, im Heidekraut und spähen kleinen, bunten Vögeln nach. Herr Sean Connery liebt das Schottenhobby. Das dürfen auch alle wissen, deshalb hat er sich jetzt von Herrn Gus van Sant beim birdwatching filmen lassen. Die kleinen, bunten Vögel haben sie ausgetauscht durch kleine, schwarze Jungs aus der Bronx, aber das stört nicht. Weil Herr Sean Connery nun eine Art Geniescout ist und eigentlich sowieso niemand genau weiß, für was birdwatching gut sein soll. Obwohl den Herrn Sigmund Freud sollte man noch mal anfragen, diesbezüglich.

• Urs Richter

   
    Forrester Gefunden | Karnaval
Malèna | Thirteen Days
   
    Karnaval    
  »Karnaval«
Schweiz,/Frankreich/Belgien 1998, 88 Min.
Amar Ben Abdallah (Larbi) Dominique Bouilleret (Kamera) Clovis Cornillac (Christian) Pauline Dairou (Schnitt) André Fonsny (Ton) Marine Godart (Isabelle) Krishna Levy (Musik) Alain Rozanes (Produktion) Sylvie Testud (Bea) Pascal Verroust (Produktion) Thomas Vincent (Buch und Regie)
[22/02/01,
Kairos Filmverleih]
 
   

Der König kann nicht mehr. Die Königin hat schwer zu schleppen am Körper ihres Gatten. Es hilft ein wackrer Ritter ihr, der just im Schlosshof Schutz vor einem Gewitter suchte. Der müde König sinkt mit einem Furz in die Laken, der Ritter erntet einen Kuss von den schminkverschmierten Lippen der Königin. "Die Vermengung menschlicher und tierischer Züge ist tatsächlich eine der ältesten Formen der Groteske." (M. Bachtin) Ihren Hut nimmt er als Pfand. Am nächsten Tag verschafft der Hut dem Ritter einen Vorwand, nochmal vorzusprechen. Der König, in Zivil nun nüchtern, wittert mit dem Hut auch gleich den Kuss, der ihm gestohlen, die Königin sucht Zuflucht in den bröckelnden Kulissen: Es ist Karneval, da ist ein Kuss so gut wie nicht geküsst.

Die Königin im Harlekinkostüm durfte alle lieben. Der neonblassen Hausfrau im Supermarkt bleibt nur die müde Erinnerung. Aber ihr Ritter ist ein wahrer Don Quixote und hält sich darum an fader Alltagsrealität nicht lange auf. Eine Dulcinea passt in sein Spiel vom Aufbruch in eine neue Welt. Er will nach Marseille und er will mit ihr dahin. Dunkerque scheint eine gute Kulisse für ein fort von hier. Marseille ist aber weit und auch der Karneval ist ein fort von hier für drei Tage. Und also Karneval ein nicht Dunkerque und auch ein nicht Marseille. Das Lächeln auf den Lippen also aufgemalt, die Krone aus Staniol, der König Gabelstaplerfahrer. Aber Don Quixote. Seine Windmühlen sind der Dauerregen und die Gewohnheiten der anderen, ihre Ehe zum Beispiel.

Der Film setzt sich den Papphut auf, obwohl er eigentlich gerne ein Liebesfilm geworden wäre und sich dann eben reinverirrt ins Narrentum einer Dramaturgie aus kleinen Fluchten, großen Tönen und ultimativer Erschöpfung. Und sich doch interessiert für das, was mit verräterischer Euphorie hinuntergespült werden sollte: die Realität hinter der Fassade. Ohne sich zum Spielverderber aufzuschwingen. Denn auch der Aschermittwoch gehört zum Spiel, und die Einsicht der Ernüchterung ist nur dem vergönnt, der vorher mitgesoffen hat.

Es wird nicht besser, aber auch nicht schlechter. Die Kamera ist nicht das zynische Auge eines Agent Provocateur, der nur darauf wartet, den hilflos Delirierenden "Alles Lüge!" ins Gesicht zu schreien. Nach der Ernüchterung kommt nicht das reine Glück - wer könnte damit leben jedes Jahr von Neuem? Keine Revolution, aber auch keine Kapitulation. Für das unweigerliche Weiter bleibt den verlebten Figuren ein erschöpfter Trotz. Der jetzt in die Gesichter gebrannt ist, die drei Tage lang unter den Masken juckten.

• Tobias Hering und Dagmara Lutoslawska

   
    Forrester Gefunden | Karnaval
Malèna | Thirteen Days
   
    Malena    
  »Der Zauber von Malèna«
Italien/USA 2000, 96 Min.
Monica Bellucci (Malèna Scordia) Carlo Bernasconi (Produktion) Luciano Federico (Renatos Vater) Lajos Koltai A.S.C. H.S.C. (Kamera) Ennio Morricone (Musik) Matilde Piana (Renatos Mutter) Massimo Quaglia (Schnitt) Giuseppe Sulfaro (Renato Amoroso) Giuseppe Tornatore (Regie und Drehbuch) Luciano Vincenzoni (Buchvorlage) Harvey Weinstein (Produktion)
[28/02/01, Concorde]
 
   

Wenn du jetzt in einem Satz die Handlung beschreiben solltest, ohne Wertung...

Ein degeneriertes Dorf, bewohnt von regredierten Männern und hyänenhaften Frauen, treibt eine sprachlose Frau erst in die Prostitution, dann in den Untergang.

Würden wir nicht kaufen, fehlt das konkrete politische Setting.

Okay: Ein sizilianisches Dorf in den 30ern, bewohnt von regredierten Männern usw. – das faschistische Begehren, das den Menschen vernichtet. Nachdem es ihn zur Ameise gemacht hat: Ganz am Anfang verwandeln kleine Jungs in kurzen Hosen eine Ameise in einen Matsch, mit ihrem Brennglas, einfach aus gelangweiltem Sadismus. Man sieht die Ameise noch in einer Großaufnahme um ihr Leben krabbeln. Und dann, unter derselben stechenden Sonne, die degenerierte Bevölkerung auf dem Dorfplatz. Total, Draufsicht, alle ganz winzig. Insekten, Ameisenstaat. Die freuen sich ALLE, ausnahmslos, über die Kriegserklärung.

Das sagt der Off-Erzähler ja auch so: »Wir wussten es damals nicht besser. Keiner hatte so richtig Ahnung. Wir waren mit Strumpfbändern beschäftigt.« – sie befestigt doch parallel ihr Strumpfband, oder?

Glaub schon. Aber das macht sie ja ständig. In gewisser Weise ist das das Problem: der Film ist so ordinär, er kriegt nicht mal einen halbwegs anständigen Fetisch ins Bild gesetzt. Er ist sozusagen vollständig identifiziert mit der Barbarei, die da herrscht. Er ist barbarisch.

Na, das ist schon satirisch überhöht: Sie befestigt ihr Strumpfband, geht an diesen pubertierenden Wichsern vorbei – wirklich: Wichsern – und dann hat der eine so ein besonderes Interesse an ihr. Der will immer wieder ihren Namen wissen. »Wer ist das? – Der geilste Arsch Siziliens. – Wer ist das? Wie heißt sie? – Das ist der geilste Arsch Siziliens.« So geht das eine ganze Weile. Bis man begriffen hat, das sein in dieser Umgebung wirklich außerodentliche Interesse am Menschen als Menschen ihn überhaupt erst in die Lage versetzt, das zu erzählen. Der einzige, der berichten kann. Der einzige, der was gemerkt hat sozusagen. Der ist natürlich trotzdem infiziert.

Ja. Und? Kannst du dich an seinen Schlusskommentar erinnern? An sein Resümee? Der ist nach seiner sexuellen Initiation nichts als ein ausgewachsenes Superarschloch: »Aber noch heute, wo ich alt bin, wo ich das Leben in seiner ganzen Banalität gelebt habe, WO ICH SO VIELE FRAUEN HATTE, die sagten: ›Vergiss mich nicht.‹ und die ich alle vergessen habe, noch heute ist sie die einzige, die ich nicht vergessen habe: Maléna.«

Gut. Ich hab das als Tritt in die Fresse genommen, als Kommentar auf die schmierigen Resümees romantischer Liebesgeschichten. So: »Seht mal! Das ist euer scheiß Unglück, euer perverses Pathos. Eure Romantik ist pervers.« Wie sollte das denn ablaufen in diesem kranken Rahmen, der da von Anfang an abgesteckt ist? Diese Zwangsläufigkeit – das macht auf brutale, schweinische Weise Sinn: Sie hat keine Sprache, ist völlig entmündigt. Keiner ist an ihrer Arbeitskraft interessiert. Um nicht zu verhungern, verkauft sie ihren Körper an die meistbietenden Faschisten. Das sind die Deutschen. Und dafür wird sie dann gesteinigt. Bei Kriegsende. Aus welcher Position willst du das denn erzählen – diesen kranken Martyriums-Scheiß? Das kannst du nicht nicht brechen. So einen Erzähler musst du diskreditieren.

Ich wär mir nicht mal sicher, dass das als kranker Wahnsinn so überall wahrgenommen wird. Hast du die Plakate gesehen? Fleischfarben, nur ihre Beinen drauf. Das totale Objekt. Im Blickpunkt Film 6/01 stand: »Monica Belluci als pralles Objekt der Begierde hält sich mimisch zurück, sie bleibt eine sexuelle Phantasmagorie«. »Prall« – der macht die unausweichliche Kritik am offensichtlich Perversen, und pervertiert dabei selbst. Das offizielle Presseheft sieht sie »In der Tradition italienischer Vollblutfrauen wie der Loren« usw. – in Frankreich ist sie gerade wieder als »mysteriöse Hure« zu sehen (»Brotherhood of the Wolf«, Regie: Christophe Gans), bei uns läuft am 29.3. »Under Suspicion« an. Presseankündigung: »Nach einer mysteriösen Mordserie auf Puerto Rico liefern sich Police Captain Victor Benezet (Gene Hackman) und Promi Anwalt Henry Hearst (Morgen Freeman) ein spannendes Katz-und-Maus-Spiel. Doch was hat Hearsts verführerische Frau Chantal (Bond-Girl Monica Belluci) zu verbergen?«

Steht noch aus: die Väter (seiner und ihrer), die staubige verkohlte Erde und das Partisanending...

• Uschi Diesl und Peter Paumann

   
    Forrester Gefunden | Karnaval
Malèna | Thirteen Days
   
    Thirteen Days    
  »Thirteen Days«
USA 200, 147 Min.
Peter O. Almond (Produktion) Dylan Baker (Robert McNamara) Andrzej Bartkowiak (Kamera) Armyan Bernstein (Produktion) Conrad Buff (Schnitt) Kevin Conway (General Curtis LeMay) Kevin Costner (Kenneth P. O`Donnel) Steven Culp (RFK) Roger Donaldson (Regie) Michael Fairman (Adlai Stevenson) Bruce Greenwood (JFK) David Self (Drehbuch)
[22/03/2001, Kinowelt]
 
 

Ist das der Stoff aus dem die Helden sind? Dreizehn Tage im Oktober 1962 und nie war die Welt der atomaren Vernichtung so nahe. Dreizehn Tage in denen das Schicksal der Menschheit in der Hand von Männern liegt, die sich in den verzweifelten Stunden der jüngeren Geschichte ein Herz nahmen und mit einer couragierten Mischung aus Entscheidungswillen und Diplomatie zu echten Helden wurden«. So schön stand es im Presseheft. Immerhin schafft es der Film in seinen besten Augenblicken um einiges klüger zu sein.

In herrlichen Farben wölbt sich der Bogen der atomaren Detonation über den Horizont und Kenny O´Donnel (Kevin Costner) blickt auf dieses seltsame Rot der Blätter. Das also hat er zu verlieren: 1. Indian Summer in Neu England, 2. seinen Sohn, der mit seinen Freunden aus dem Team hier unter herbstlicher Sonne Sport treibt und glücklich ist. Sollte man Kuba nun flächendeckend bombardieren?

Kenny O´Donnel ist Berater von JFK (Bruce Greenwood) und Bruder RFK (Steven Culp) und Costner gewährleistet eine Nüchternheit, in der sich das Drama der atomaren Apokalypse in den Gängen und Sitzungssälen des Weißen Hauses verfängt und zur abstrakten Verhandlungsmasse wird. Das Geschehen reduziert sich auf Talking Heads und erinnert an Pakulas »All the Presidents Men« . Das historische Ereignis wird dort gefaßt, wo sich Bedeutung und Tragweite noch nicht in jedes Detail einschreiben, sondern der Mechanismus der Diplomatie in seiner Autonomie dargestellt wird.

Die Apokalypse verflüchtigt sich in der Abstraktion der Diplomatie. Und dann ist der Film großartig spröde. Aber so erschafft man keine Helden. Heldentum wird daher von einer martialischen »Realität« produziert, die sich immer wieder zwischen die Nadelstreifen drängt und alles in sattes Pathos hüllt: Natürlich die roten Blätter. Vor allem die Gischt am Bug der Zerstörer vor Kuba, das Donnern der B 52 im Formationsflug, lange Schlagen vor den Kirchen zum 24 Stunden Gebet. Wilde Horden halbzivilisierter Kommunisten im Dschungel. Das ist der übliche Bildervorrat eines Bedrohungsszenarios, der aber durchbricht hier den Abstraktionsraum der Diplomatie und stilisiert die Akteure der politischen Bühne zu Helden im Dienste von Volk und Nation.

Das allerdings wird zu einer paradoxen Bewegung. David Self erarbeitete das Drehbuch aufgrund originaler Tonbandmitschnitte der Verhandlungen und konstituiert so einen Abstraktionsraum, in dem Handeln und Motivation der Eigengesetzlichkeit unterworfen sind. Was hier geschieht läßt sich nicht in den Begriff des Helden übersetzen, weil jedes diesem Begriff innewohnende Wertmodell aufgehoben ist. Volk, Nation, Freiheit etc. existieren als brauchbare Begriff nur außerhalb dieses Raumes, Loyalitäten bewegen sich im konturlosen Kommunikationsgeflecht. Und im nächsten Augenblick wird die Genauigkeit dieser Beobachtungen demontiert durch eine krude Bild- und Tonschlacht. »Echte Helden« in » verzweifelten Stunden«. Es sind, wie gesagt, nur Augenblicke, in denen sich der Film klüger erweist.

• Christoph Pasour

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